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Rocco Reiser freut sich nicht auf Weihnachten.
Später wird es doch noch lustig.


Dreizehn, siebzehn, neunzehn, vierundzwanzig. Wie jedes Jahr erwischte mich der vierundzwanzigste Dezember am linken Fuß, ich lief durch die Stadt und fluchte auf die Konsumgesellschaft, auf die Preise der Geschenkmünzen und der Handywertkarten und auf das milde Wetter. Alle Menschen dieser Stadt schienen leicht verklärt und das, wie einem jeder ungefragt bestätigte, obwohl es heuer leider keine weißen Weihnachten geben werde. Familienväter gingen mit ihren Töchtern ins Central, Mütter holten die bestellten Fleisch- und Fischberge ab, Junggesellen gaben vor, nicht zu wissen, welcher Tag heute war. Seit ich mich erinnern konnte, hatte ich mich auf den Tag gefreut, an dem ich allein über meine Pläne am vierundzwanzigsten würde bestimmen dürfen - es war bis heute nicht dazu gekommen. Meine Nichte Flora war auf die wahnwitzige Idee verfallen, den heutigen Abend zu einer Familienzusammenführung zu nützen - ich überlegte ernsthaft, ihr dauerhaft das Wohnrecht in unserer sonst recht harmonischen WG zu entziehen. Sie hatte ihren Vater, meinen Bruder Georg, eingeladen, mit seiner Frau Pepsi im Schlepp.1 Der Vollständigkeit halber noch deren Eltern, aus unserem Haus General Dorsch und Tonio, der sich aber wortreich entschuldigt hatte und mit einem erfundenen Krankenbesuch bei seiner Tante in Rovereto dem Abend zu entkommen vermocht hatte. Ich wußte natürlich, daß er das zweitbeste Geschäft des Jahres nicht auslassen wollte und lieber 3, 4 Blaue verdiente, als sich das Geschwätz meines Bruders anzuhören.
Was schenkt man seiner Schwägerin zu Weihnachten? Ich schlich zu den Trödlern am Franziskanerplatz. Vielleicht ein buntes Bild aus ihrem Heimatstädtchen in Südtirol? Oder einen Aschenbecher aus den 60ern? Ich hatte in den letzten Wochen ganz gut verdient, außerdem zahlte mein Bruder jetzt mehr für die Untermiete seiner BWL studierenden Tochter. Geld spielt im Leben eines Berufskraftfahrers trotzdem immer irgendwie eine Rolle - wir alle würden in der Nachtschicht gerne das verdienen, was man sich von den Medizinern erzählte.
Jemand zupfte mich am Arm. Ich staunte nicht schlecht, als ich Jeanette "Blondie" Gurschler erkannte. Dieses Mädchen war ein Teil eines meiner früheren Leben gewesen, an die ich mich in der Regel kaum noch erinnern konnte. Sie hatte sich - zumindest optisch - eindeutig zu ihrem Vorteil verändert. Tonio sagte zwei Mal täglich "Frauen gegen 35 sind unser Untergang", und ich hörte, wie jemand den Stöpsel zog...

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Heft 12


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