Rocco Reiser   Heft 1  Heft 3  Heft 4  Heft 5  Heft 6  Heft 7  Heft 8  Heft 9  Heft 12 

Der erste Fall löst sich auf. In Grappa und in Wohlgefallen.


Ich rappelte mich schnell hoch. Auf mich gerichtet sah ich die Mündung einer Bleispritze, deren Besitzer hysterisch nach den anderen Herren Tescari rief. Ich nahm allen meinen Mut zusammen und trat dem vermutlichen Cousin von Tonio mit Bedauern, aber trotzdem mit aller Gewalt in die Weichteile - irgendwie hatte ich es im Gefühl gehabt, daß er nicht auf mich schießen würde. Der Pistolero rang nach Luft, ich rannte um das Haus und zurück auf die Straße, ohne eine wirklich gute Idee, wohin. Da erblickte ich vor der Garage der Konkurrenz ein altes Moped, das vorher noch nicht da gewesen war, es sollte also verkehrstüchtig sein. Ich sprang von hinten in den Sattel und gab dem Feuerstuhl die Sporen. Tatsächlich begann das Ding - ich würde sagen, leicht sechzig Jahre auf dem Buckel - nach einer ordentlichen Fehlzündung, die das halbe Tal geweckt haben mußte, loszutuckern. Die Familien Tescari und Degasperi stürzten gleichzeitig auf die Straße und fluchten mir, so viel ich den wenig erfreulichen Gesten entnehmen konnte, das Kreuz ab. Ich schoß mit der alten Mühle hinunter ins Tal, auf dem Tank stand Cagiva eingestanzt, daneben ein Abziehbild mit dem Slogan dio c'è, und ich hoffte, daß mein Schutzengel auch so dachte. Da ich mit neunzehn zur Kompensation meiner Freiheitsphantasien und zur Pflege meiner Todessehnsucht einige Zeit eine 1000er Suzuki den Schönberg rauf und runter gejagt hatte, konnte ich mit der alten Lady ganz gut umgehen. Ich preschte die wenigen Kilometer nach Riva in neuer Bestzeit hinunter, mit ziemlich wenig Vorsprung auf die Lichtkegel aller in Molina zugelassenen Kraftfahrzeuge, die sich mir in einer unangemeldeten Prozession angeschlossen hatten. Ich wußte, daß ich nicht sehr weit kommen würde mit meiner neuen Freundin, da meine Verfolger eindeutig besser motorisiert und außerdem ortskundig waren - ich nahm die Abzweigung centro und ratterte auf den Hafen zu. Der Zugang zur Altstadt war mit Betonblumenkisten versperrt, dankenswerterweise für Einspurige passierbar. Vier Meter hinter dem Eingang beendete allerdings ein Kolbenreiber die Freundschaft zwischen meiner Fluchtgefährtin und mir - vielleicht war ich ohne den ohrenbetäubenden Lärm sogar besser unterwegs. Ich hatte gegenüber meinen Verfolgern zwei Vorteile: Erstens wußte außer dem bedauernswerten Revolverhelden niemand, wie ich aussah. Zweitens ahnten die Tescaris und vermutlich ebenso die Degasperis auf meinen Fersen, daß sich bei Einschalten der Exekutive auch für sie einige unangenehme Fragen ergeben würden. Mein Nachteil war, daß es in der Altstadt von Riva nicht leicht war, sich an einem Winterabend unsichtbar zu machen - kein Hund war auf der Straße, die Lokale geschlossen und die Läden dicht. An einer Halteverbotstafel, die mit den gleichen dio c'è-Motiven beklebt war wie meine verflossene Cagiva blieb ich stehen, um mich zu orientieren...

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Niko Hofinger 1997 - 2001