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Auf dem Tivoli fühlt sich jeder Tiroler wohl. Fast jeder.


Es war Samstag - unser freier Tag - und wir beschlossen, uns heute beim Match aufzuwärmen, auch wenn das bei der ersten Frühjahrsrunde nicht immer hieß, daß einem dabei auch warm werden mußte. Es war jedoch ein echter Innsbrucker Märzföhntag, mit fünfzehn Grad im Windschatten und einer halben Million genervter Tiroler, deren Aggression sich in den schillerndsten Tönen gegen die Rapidler entladen würde, wie wir hofften. Mit kleinen Augen und schweren Gliedern ließen wir uns zum Stadion blasen, ein Pilgerzug von achtzehntausend Experten und dreihundert Expertinnen für Fußball im Allgemeinen und die Hinrichtung eines Wiener Großklubs im Besonderen. Wir gingen ohne weibliche Begleitung, wie immer. Ich hatte in dem Vierteljahrhundert seit meinem ersten Match im zarten Alter von sieben Jahren keine einzige Freundin gehabt, die mit mir auf den Tivoli gegangen wäre. Umgekehrt gab es hier nur zwei Typen von Frauen. Entweder die Braut des Opel-Manta-Fahrers, die ihn nicht eine Sekunde allein lassen wollte, oder die Mutter des Mittelstürmers aus der Regionalliga, die von ihrem Sohn als Superstar träumte.
Wir fanden trotz des Andranges einen Schüler, der uns um ein Trinkgeld Halbpreiskarten besorgte, und schlichen mit geliftetem Gesichtsausdruck und hängenden Hosen an den gestreßten Kartenabreißern vorbei in unser Stadion. Oberitaliener wie Tonio stehen entweder auf Juve oder Bayern München, je nach Dialekt, er war aber trotz seiner fremdländischen Herkunft zu jener aufrichtigen Haßliebe zu unserem Verein fähig, die alle Nordtiroler in diesem einzigen Punkt eint. Wer mit mir für den Wacker schreit, ist mein Freund, hatte ich mir vor mittlerweile elf Jahren auf der Südtribüne gedacht und mich zu dem scheuen Burschen gestellt, dessen Gesicht ich vom Taxi fahren am Wochenende kannte. Mittlerweile hatte der Klub einige Namensänderungen durchgemacht, immer mit den Sponsoren und nach den Ideen von halbprofessionellen Funktionären. Manager bei Wacker - und nur so hieß der Klub, an dem mein Herz hing - war ein feiner Job. Denn eigentlich mußte man für diesen Verein nicht viel tun, außer zu hoffen, daß er gewann. Nach drei, vier Siegen in Folge war das Stadion immer voll, egal gegen wen und bei welchem Wetter. Tonio und ich waren eher nur bei Großveranstaltungen dabei, so wie heute. Die zweihundert Rapid-Fans im scharf abgegrenzten Feindsektor waren chancenlos gegen die fast hundertfache Übermacht an von der Zentralgewalt unterdrückten aufrechten Tirolern, die ihren anti-Wien-Reflex in den schönsten Schlachtgesängen abreagierten...

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Heft 3


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Niko Hofinger 1997 - 2001