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Innsbruck ist ein Dorf. ein globales Nest.


Dreizehn, siebzehn, neunzehn, ich ließ es bleiben. Es gab Abende, an denen mehr Taxis am Bahnhof auf Fahrgäste warteten, als ein Mann je zählen konnte. Es war einer jener halben Feriensonntage, an denen weder Studenten noch Berufsschüler das Geld ihrer Eltern in ihre Bequemlichkeit und meine Mietnachzahlung investieren wollten. Den vielen Supermarktschokoladehasen nach stand Ostern vor der Tür. Heute war, wenn mich meine Erinnerung nicht ganz täuschte, Palmsonntag. Ein fader, halbverfrorener Märzsonntag ohne echte Anzeichen für einen Frühling, der eigentlich letzte Woche hätte beginnen sollen. Ich war schon den ganzen Nachmittag antriebslos vor dem jämmerlichen Sportprogramm versauert, außerdem war mein einziger Freund Tonio zu seinen Eltern in den Trentino verreist, um dort die Karwoche vor den vollen Töpfen seiner fürsorglichen Mutter zu verbringen. Sein Angebot, ihn dorthin zu begleiten, hatte ich dankend abgelehnt; nicht nur wegen der zwiespältigen Erfahrungen, die ich in seiner engeren Heimat schon gemacht hatte, mehr noch weil ich seit einiger Zeit unter nicht unbeträchtlichem finanziellem Druck stand. Das hatte in erster Linie mit meiner erlahmenden Arbeitsmoral zu tun, die mich oft schon vor Mitternacht das Lenkrad mit dem Flipper im Groucho vertauschen ließ; außerdem hatte ich mir in den Kopf gesetzt, mir einen Computer zu kaufen. Ich verstand nichts von dem ganzen Plunder, hatte aber seit einiger Zeit das Gefühl, daß ein fortschrittlicher Mensch in den 90er Jahren unseres Jahrhunderts ohne Internet-Anschluß nicht für voll genommen wurde. Alle Gespräche meiner ehemaligen Studienkollegen drehten sich nur um dieses eine Thema, und wenn mir meine Nichte Flora vorschwärmte, was sie bei ihren Freunden da schon für Wahnsinnsgeschichten gesehen habe, verstand ich genausowenig von dem ganzen Kauderwelsch der neuen Kommunikationstechnik wie von angewandter Quantenphysik. Neulich hatte mir ein prahlsüchtiger Fahrgast sein Notebook mit Handy-Anschluß im Auto vorgeführt, und ich war mir trotz seines Schmockgehabes nicht ganz sicher, ob ich nicht auch so etwas haben wollte. Ich hatte zwar bis jetzt noch keine drei Fax in meinem Leben verschickt oder bekommen, die Vorstellung, dies dann aber zu jeder Zeit von jedem Ort aus tun zu können, ließ mich bereits im Vorbeifahren Nummern von Baumärkten und Internet-Adressen von Blumengroßhändlern notieren, da ich mir fest vorgenommen hatte, dieses Frühjahr endlich die alte Schrebergartenhütte meiner seligen Tante Paula in Schuß zu bringen. Meine schlechte Laune besserte sich kaum, auch drei weite Fuhren mit schweigenden Fahrgästen - meine liebste Sorte - änderten wenig an meinem unbestimmbaren Grant. Ich hörte im Radio eine Sendung über eine neue Fraueninitiative, die alle Männer über fünfzehn mit Tranquilizern sexuell kaltstellen wollte, und mir gefiel der Gedanke. Ich hatte, von ein paar kleinen Kurzgeschichten abgesehen, seit drei Jahren keine wirkliche Beziehung mehr gehabt, ich wußte selbst nicht so genau, warum...

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Heft 4


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Niko Hofinger 1997 - 2001