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Rocco Reiser auf dem flachen Land.


Wien war für mich der ideale Ort, um die Sehnsucht nach der Stadt in zwei, drei Tagen wieder aus dem Kopf zu kriegen. Für einen Verfechter der Langsamkeit ist die Dynamik einer Millionenstadt einfach nicht erträglich. Als Besucher kam ich gerne und fuhr noch lieber wieder weg. "Was willst du mit diesem Wochenende anfangen?" Pedro hatte sich kaum verändert. Seine schwarzen Augen waren etwas irritiert vom hellen Licht, seine Lederjacke stammte von einem gemeinsamen Istanbul-Ausflug vor 15 Jahren. Wir schenkten uns die alter- Mitschüler- trifft- alten- Mitschüler- Rituale und verzichteten auf die Rückbesinnung auf vergangene Großtaten. Trotz der Distanz und der Zeit hatten wir uns schließlich nie ganz aus den Augen verloren und wußten ungefähr, was der andere so gegen die langen Abende unternahm. "Weiß nicht; wenig Kultur und viel essen." Der Millirahmstrudel schmeckte nach drei Jahren Absenz meinerseits so unglaublich gleich gut, daß wir uns in eine lange Betrachtung über das Geschmacksgedächtnis und diverse Küchenerlebnisse verloren, ohne zu merken, wie hungrig wir dabei wurden. Wir wechselten zu einem Italiener, den Pedro vor kurzem gegen die Handelskammer vertreten hatte, und wurden vom Chef persönlich in die toskanische Auffassung von Gaumenfreuden eingeweiht. "Weißt du, Rocco, meine Kollegen können leider nicht zwischen Bourgeoisie und Burgunder unterscheiden, die schätzen nur das Burenhäutl an der Basis." "Vertrittst du noch mehr Köche? Wär doch eine Marktnische: Der kulinarische Konsulent, Verteidiger in Geschmackssachen." Nach dem Espresso waren wir unfähig, zu sprechen oder uns zu bewegen. Wir gingen in Pedros Wohnung, um die heiligste Pflicht nach einem italienischen Essen zu erfüllen: Die Ruhezeit.
So gegen sieben trieb uns seine enge Bude wieder in die Gassen. Er wohnte im achten Bezirk in einer recht gemütlichen Gegend, hinten hinaus schaute man sogar auf drei Quadratmeter Grün. Wir gingen nur ums Eck, zu seinem Wirt. Dort kannte Pedro naturgemäß jeden, aber die Leute pflogen einen recht distanzierten Umgang. Ich tippte auf großstädtische Lässigkeit. An der Bar saßen zwei junge Männer, die nach einer Weile zu uns herüberkamen. "Hallo Pedro, wie geht es Ihnen?" sagte der eine. "Ah, Mehmet, hätte dich fast nicht erkannt. Das ist Rocco, ein alter Freund." "Und das ist mein Bruder Halil. Sehr erfreut."

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Heft 5


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Niko Hofinger 1997 - 2001