Rocco Reiser   Heft 1  Heft 2  Heft 3  Heft 4  Heft 5  Heft 7  Heft 8  Heft 9  Heft 12 

Der schwüle Sommer ist in der Stadt. Rocco bleibt cool.


Man soll ja keine Vorurteile haben, aber wenn drei junge Mediziner an der Bar stehen, dann erkenne ich das. Tonio machte sein unauffälligstes Gesicht und wir zwängten uns an den Tisch daneben. Die zwei äußeren Weißkittel taten, was alle Männer in Gastgärten im Sommer tun: sie kommentierten die Beinlängen, Oberweiten und Ausschnittstiefen der umstehenden Frauen. Welche zu einem Gutteil an dieser Taxierung Gefallen finden durften, ihren kecken Blicken und alkoholseligen Anbandelversuchen nach zu schließen. Es gibt wenig, was ich weniger aushalte, als selber im Dienst zu sein - somit nüchtern - und leicht angeheiterten schönen jungen Menschen beim Innsbrucker Sommernachtsgebalze zuschauen zu müssen. Also mußten wir in die Offensive. "Georg, ich glaub ich spinn!" Der mittlere Mediziner, der ziemlich versunken in sein Bierglas gestarrt hatte, drehte sich auf meinen Zuruf um. "Kennst uns nicht mehr, was?" Er war verunsichert. "Ah, doch, aber sag es noch einmal." "Wintersemester einundneunzig, die le-gen-dä-ren Mensa-Festln!" Wenn schon lügen, dann ordentlich. "Ah ja." Solche faden Typen wurden wahrscheinlich nie auf irgendwelche Feste eingeladen, aber es war lange genug her, daß auch er das nicht mehr wußte. "Wo bist du jetzt? Am Gericht? Du bist doch Jurist, oder?" "Nein, Mediziner." Tonio biß sich auf die Unterlippe. Kein gutes Zeichen, er würde noch alles vermasseln. "Ah, und wo?" "Kardiologie." Er war es also, unser Schorsch. Georg Brunnmayr war das geborene Opfer. Seine beiden Sekundanten hatten sich - vielleicht sahen sie ihre Chancen neben zwei Non-Rolex-Trägern schwinden - bald abgesetzt und den Schorschi, wie wir ihn nannten, mit Tonio und mir an dem Stehtischchen zurückgelassen. Wir wußten noch nicht genau, was wir mit dieser seltsamen Situation tun sollten, also füllten wir den nur schwach widerstrebenden Jungmediziner mit Obstler und Grappa so schnell ab, daß er nur eine knappe Stunde nach unserem glücklichen Wiedersehen die Kontrolle über sich verlor. Er heulte wegen irgendeiner Biggi, was es uns nicht erleichterte, ihn auch noch auf die Geschichte mit Herrn Unterer anzusprechen. Ich faßte mir ein Herz: "Du, was anderes, Schorschi, du, wer schaut eigentlich euch auf die Finger?" "Wie meinst du das?" Er schneuzte sich in das Papiertischtuch. Das sollte Hanna sehen. "Na, wenn ein Patient stirbt, der gerade entlassen wurde, zum Beispiel." Dr. med. Georg Brunnmayr wankte vier Schritte von unserem Tisch weg, kotzte in die Büsche und ward nicht mehr gesehen. Wir wußten, daß er es nicht weit hatte zur Mami und waren mit der schlechten Figur der Gottes in Weiß recht zufrieden. Der Wirt gab uns noch zwei Fahrgäste aus dem Lokal mit und wir ließen die laue Nacht gute drei Stunden später mit einer Bosna an der Bude der roten Frieda ausklingen...

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Heft 6


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(c) Niko Hofinger 1997 - 2001 (für die Richtigkeit der medizinischen Fachtermini: Dr. Bloch)