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Rocco Reiser mag keine Parties. Wenn alle am Leben bleiben.


Der Juliabend schien lau zu werden und ich nützte den arbeits- und abstinenzfreien Samstag zu einer genauen Betrachtung des Weinkellers des Hausherren, der auf Teneriffa weilte. Oben wurde schon getanzt, ich mußte Hanna noch ein wenig aus dem Weg gehen, wenn ich nicht noch halb nüchtern auf dem Folterparkett einer Innsbrucker Sommerparty die Hüften schwingen wollte. Ich drehte eine Runde durch den Garten, der leicht zu einem Waldstück abfiel und gut und gerne dreitausend Quadratmeter maß. Im Schatten einer japanischen Zierzwetschke lag ein Teich mit Springbrunnen. Die Thujenhecke zum Nachbargrundstück war dicht und unheimlich in der Dämmerung, also fing ich mir einen Stuhl auf der Terrasse und genoß den vermutlich letzten warmen Tag des Jahres. Ich kannte eigentlich niemanden aus dieser Truppe von etwa vierzig, fünfzig Endzwanzigern bis Mittdreißigern, und doch kam es mir so vor, als hätte ich alle Gäste schon hundert und drei Mal bei ähnlichen Gelegenheiten gesehen. Am Buffet versuchte eine Dauerschwätzerin, jeden, der sich etwas zu Essen holte, mit ihren Betrachtungen über den Nudelsalat, den sie selbst beigesteuert hatte, in die Flucht zu schlagen. Zwei Schwangere gähnten demonstrativ und machten ihren Begleitern mit den Augen Zeichen, daß sie sich verrollen wollten. Ein Witziger und ein Kluger versuchten, von einer der hübscheren alleine gekommenen den ersten Tanz zu erhaschen. Zwei Mädchen in gebatikten T-Shirts schnorrten mich mit geübtem Lächeln um eine Zigarillo an, die ich unvorsichtigerweise auf dem Tischchen neben mir placiert hatte. Hanna kam heraus.
"Wir tanzen schon, komm."
Ich nahm einen letzten Schluck und folgte meiner Prinzessin. Sie war in ein leichtes Seidenkleid gehüllt, und schwebte dem Anlaß entsprechend noch fünf Zentimeter höher als sonst über dem Boden. Das Radio spielte 'ay, ay, Mamacita', und ich mochte die Nähe meiner duftenden Freundin, als wir langsam über die Wohnzimmerdielen glitten.
Es gab eigentlich nur Gründe, warum ich froh war, nicht mehr siebzehn zu sein, außer dem einen: Parties. Wenn mir meine Nichte Flora von ihren kompromißlosen und gewalttätigen Feten erzählte, bei denen wenigstens hin und wieder ein Schneidezahn den Besitzer wechselte, dann verfluchte ich die soliden und braven Abendessen unter Freunden, bei denen über Weinsorten und Rezepte parliert wurde...

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Heft 7


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