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Rocco Reiser wohnt in Innsbruck.
Und das ist so grausam, wie es klingt.


Die Summe der offenen Rechnungen ließ mir alle alten Verwünschungen des kapitalistischen Systems hochkommen, da ich wußte, daß ich diese - meistens bereits kaputten oder ausgetrunkenen - Gegenstände im Verhältnis 1:100 in Arbeitsstunden würde abarbeiten müssen.
Ich überlegte ernsthaft, die monatliche Zuwendung meines Bruders für die Verpflegung seiner Tochter zu erhöhen; außerdem könnte ich ja Prospekte austragen, oder Pizze backen, oder ... es lief immer auf den selben Schlüssel hinaus. 1 Stunde = 100 Schilling. Wieso ich nicht vorher über die Folgen einer Einkaufsfahrt in den Sterzinger Konsumtempel nahe der Bundesstraße nachgedacht hatte, konnte ich mir im Moment auch nicht erklären. Der Computer, den ich mir außer Budget schnell-schnell gekauft hatte, stand als großes schwarzes Auge auf meinem Schreibtisch. Irgendein Error kam immer, wenn ich es wieder einmal versuchte, und längere Trips in der großen weiten Datenwelt hatte mir die letzte Telefonrechnung vergällt.
Ich versuchte, aus dem rhythmischen Klopfen der Waschmaschine den Wert der im Sack vergessenen Münze herauszuhören - dann sah ich aber die Metallschnalle und machte mir ernste Sorgen um meinen Lieblingsgürtel. Ich lehnte mich gegen einen Sack voll Wäsche der Familie Walder, als, ohne erkennbaren Zusammenhang, ein ohrenbetäubender Knall im Stiegenhaus die Milchglastür zur Waschküche fast zerriß. Ich kannte das Geräusch platzender Ladykracher und Piraten im dafür prädestinierten Hausgang, dieser Knall kam aber scheppernder, und der "Kruzifix!"-Schrei der Erlbacher aus dem dritten Stock kam auch früher als sonst - und weniger kreischend, mehr röchelnd -, drei Sekunden später platschte sie auf den Kinderwagenabstellplatz vor mir auf den Boden. Ich hatte gerade die Waschküchentür geöffnet und sah leicht irritiert die sich in Sekunden ausbreitende Blutlache auf dem von ihr selbst zwei Stunden vorher gewienerten falschen Marmorboden. Ich hatte mir oft einen schnellen Herztod für die geifernde und pedantische selbsternannte Hüterin der Hausordnung erhofft. Nicht selten hatte ich ihr die Pest an den Hals gewünscht, wenn sie sich gegenüber den blonderen Hausbewohnern über die Gefahren der Rassenvermischung verbreitert hatte. Mehr als einmal war ich selbst knapp davor gewesen, sie nach einem Lamento ob eines falsch abgestellten Kinderfahrrades einfach über genau das Geländer zu werfen, über das sie jetzt tatsächlich gefallen war. Trotzdem war mir die Nähe dieses dampfenden Kadavers nicht angenehm. Ich riskierte einen Blick durch den Lichtschacht in die der Flugbahn entgegengesetzten Richtung - vierzehn aufgerissene Augenpaare an den Geländern unserer fünf Stockwerke, kein Wort, kein Laut, eine gespenstische Stille, in der ich die Luft aus den Lungen der Erlbacher bei ihrem letzten Hauch pfeifen zu hören glaubte. Der erste, der sich erfing, war Hubert Hegenmoser. Durch tägliches Studium aller Fernsehsendungen mit Katastropheninhalt war er einerseits gegen die abstrakte Realität einer Blutszene gewappnet, andererseits wußte er, daß, wenn es die Erlbacher nicht mehr selber tun könnte, jemand anderer die Polizei zu verständigen hatte. Aus der offenen Wohnungstür seiner Garçonniere im Erdgeschoß hörte ich die aufgeregte Meldung
"Eine Tote, die Erlbacher, kommt's schnell!"
Erst beim vierten Anlauf brachte er unsere Adresse und seinen Namen heraus. Er erschien mit einer Flasche Stock - es roch nach Feierstunde - und verkündete ins gelähmte Treppenhaus.
"Die Exekutive ist verständigt."

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Heft 8


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