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Rocco Reiser mach Bekanntschaften. Drei Tage später sind alle tot.


Ich ging zur Straße hinunter, wo Tonio mit sieben Aktenordnern und drei Flaschen Grappa für den Herrn Filialleiter wartete. Die Sonne blendete meine halb ausgeschlafenen Augen - Tonio sprang auf die Seite, um nicht von mir umgeniest zu werden.
Wir gingen die zwei Blocks zur Bank und besprachen unsere Strategie, den Zinssatz vielleicht noch um ein viertel Prozent drücken zu können. Das Fräulein am Schalter begleitete uns persönlich zum Glaskäfig ihres Vorgesetzten. Herr Mag. Martin Pittracher, so stand es auf dem Schild neben seinem Bildschirm, bot uns zwei Stühle an; der Knabe war gut zehn Jahre jünger als wir, schmückte sein Büro mit den Pirelli-Kalendern der letzten Jahre und war, wie ich vermutete, der Sohn des mächtigen Direktor Pittracher, vor dessen Wort das ganze Land erzitterte. Die Bank, in der wir uns befanden, kontrollierte mit ihrer Politik nicht nur den Wohnbau im Land. Mit den Millionen, die als Sponsorgelder in Sportler, Künstler und Kulturschaffende investiert wurden, hielt sich das erste Haus auch die öffentliche Meinung genehm.
"So, Herr ...Tescari und Herr ...Reiser." Obwohl wir uns beim Shakehands vorgestellt hatten, las er unsere Namen aus seinen Unterlagen.
"Sie wollen also noch einmal verlängern?"
"Ja, sehen Sie, es ist so..." es gefiel mir nicht, meinen stolzen Freund Tonio so sehen zu müssen. Er hatte seit der Pleite der Firma seines Vaters keine Aussicht mehr auf eine mittlere bis kleinere Erbschaft und mußte sich deswegen um die Finanzierung seiner Wohnung selber kümmern. Mit dem schäbigen Taxlersalär aber gleichzeitig ein zufriedenes Leben zu führen und noch monatlich neuntausend Schilling in den Rachen der Kredithaie zu werfen, war bei der derzeitigen Geschäftslage einfach nicht drinnen. Während Tonio seine Geschichte vortrug, läutete das Handy des Herrn Filialissimo drei Mal. Er hob ab, sagte jedesmal
"Ja? Nicht jetzt - in fünf Minuten."
und legte wieder auf. Ich vermutete, daß er drei Freundinnen gleichzeitig aushielt und mit den Terminen ins Schleudern gekommen war.
Die Adresse auf seiner Visitenkarte wies ihn als Sohn alten Innsbrucker Geldadels aus - eine schmucke Villa im Saggen. Er legte sein Handy immer verkehrt auf die gläserne Tischplatte. Ich sah die Spiegelung der aufgeklebten Nummer und lernte sie aus Langeweile auswendig. Meine Technik war dabei immer die gleiche; 0676 hieß max, das war klar; 33 - Nazis an der Macht; 75 - erster Formel 1-Titel von Niki Lauda; 89 - Mauerfall. Also max-nazis-lauda-mauer. Solcherart eingeprägte Nummern vergaß ich selten wieder. Tonio legte einen Zettel nach dem anderen vor:
"... wollte ich also vorschlagen, ob wir nicht ..."
Der Typ am längeren Ende des Tisches hörte überhaupt nicht zu; er machte sich Notizen - in sein Privatbüchlein. Er band sich mit den Händen die Nackenhaare zu einem Schwänzchen zusammen - sicher hatte er sein Ponytail der Karriere bei Papi opfern müssen. Dann sah ich auf dem Formular vor ihm auf dem Tisch, daß das Feld "bewilligt/ verweigert" schon angekreuzt war.
"... mir diesen Aufschub zu gewähren."
Tonio war fertig.
"Nun, Herr Tescari. Tescari - wie der Schirennläufer?"
"Ja, ein weitläufig Verwandter."
"Leider wird da nichts draus."

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Heft 9


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